Aufstieg und Fall von Shiny Flakes – Deutschland´s Kinderzimmer-Drugloard

Die unwahrscheinliche Karriere eines Darknet-Dealers endete, als die Polizei Drogen im Wert von 4,1 Millionen Euro aus seinem Kinderzimmer beschlagnahmte.

Es ist eine Routineabholung. Georg*, 51, fährt am 26. Februar 2015 zu der Wohnung eines jungen Mannes im Leipziger Norden, Deutschland. Obwohl zwischen den beiden ein Altersunterschied von 31 Jahren besteht, treffen sie sich regelmäßig. Um kiloweise Drogen zu übergeben.

Doch dieses Mal sind sie nicht allein. Die Polizei hat sie schon lange beobachtet, als sich die beiden auf der zweispurigen Straße vor dem Wohnhaus treffen. An diesem milden Wintertag machen sich die Polizisten auf den Weg.

Als der 20-jährige Empfänger der Drogenlieferung merkt, was los ist, rennt er die Treppe zurück in die Wohnung seiner Mutter und fängt an, die Kabel aus den Festplatten zu reißen. Er wird verhaftet, bevor er eine der Festplatten mit belastendem Material erreichen kann.

Es war der Höhepunkt einer beispiellosen Karriere im Drogenhandel, die den 20-jährigen Mortiz* laut Polizei in weniger als zwei Jahren zu einem der größten Online-Dealer in Deutschland machte. Für die Strafverfolgungsbehörden ist es der Abschluss einer monatelangen, akribischen Ermittlung, ein ebenso historischer wie seltener Triumph im Kampf gegen den Online-Drogenhandel.

Die Polizei nimmt die beiden Dealer, die Festplatten und den Laptop von Mortiz mit. Außerdem beschlagnahmen sie 48.000 Euro Bargeld und ein unglaubliches Versteck von 320 Kilo Drogen aller Art, die sortiert in den Regalen in Moritz’ Kinderzimmer gelagert wurden. Denn Moritz, der sich für unbesiegbar hielt und sein Drogenimperium “Shiny Flakes” im Alleingang aufgebaut und betrieben hat, lebt noch bei seiner Mutter.

Das Netz der Paketstationen

Moritz verschickte seine Pakete hauptsächlich innerhalb des deutschsprachigen Raums, aber einige schafften es bis nach Indonesien, manchmal per Einschreiben, oft an automatisierte Paketstationen oder Postfächer, und bei größeren Bestellungen als verfolgbare Sendungen mit Tracking-Nummern.

Die Depots dienten lediglich als tote Briefkästen; oft waren die Pakete an eine andere Person adressiert als die, die sie abgeholt hatte, und als Absender war ein zweiter falscher Absender angegeben.

Die Polizei brauchte nur wenige Tage, um die beschlagnahmte Festplatte, die nicht verschlüsselt war, zu sichten, bevor sie fand, wonach sie suchte: praktisch alle Adressen von Shinys Großabnehmern in Deutschland, die bei ihm kiloweise Drogen bestellten, um sie dann weiter zu verteilen.

Am 10. März erwirkte die Polizei aufgrund der auf dem Stick enthaltenen Informationen Haftbefehle und führte Durchsuchungen in ganz Deutschland durch. Insgesamt wurden 38 Orte durchsucht und fünf weitere Personen verhaftet.
Nur einen Tag später, am 11. März, wurden die Gerüchte, die seit Tagen im Internet über das Ende von Shiny Flakes kursierten, endlich bestätigt.

Die Polizei machte den Erfolg ihrer Razzia noch am selben Nachmittag publik, indem sie sowohl auf Shiny Flakes’ Clearnet-Website als auch auf seiner im Darknet gehosteten Onion-Domain eine Anzeige für Karrieren bei der sächsischen Polizei hochlud: “Ein Job – 1000 Möglichkeiten”. Für die meisten Besucher sieht das ein wenig einladender aus als ähnliche Hinweise auf polizeiliche Darknet-Aktionen, die wir in der Vergangenheit gesehen haben.

Ein mysteriöser Beitrag auf dem Händlerprofil von Shiny Flakes auf einem anderen Darknet-Schwarzmarkt scheint nun eine Art Prophezeiung zu sein: “Händler, rennt um euer Leben.”

Ob dies tatsächlich von Shiny gepostet wurde, der auf drei Deep-Web-Märkten als Händler registriert war, kann heute nicht abschließend geklärt werden – vielleicht wollte Shiny nur andere Händler verprellen, die ihm schlechte Bewertungen gaben.
Der Clearnet- und Darknet-Händler befindet sich seit dem 27. Februar in einer Justizvollzugsanstalt in der Leimener Straße in Leipzig in Haft. Anstatt sich um Bitcoin-Transaktionen, angebotsseitige Probleme, das Auspacken von Crystal und paranoide Kundenbeschimpfungen zu kümmern, kann Moritz nun die Freizeit der Haft genießen:

##Professionelle Nerds werden nicht als Jugendliche verurteilt
Angesichts der erdrückenden Beweislage stehen Moritz’ Chancen vor Gericht nicht besonders gut, obwohl er den erfahrenen Strafverteidiger Stefan Costabel engagiert hat. Klar ist, dass Moritz ein hochintelligenter Streber mit arroganten Tendenzen ist. Er hat einen Realschulabschluss, aber keine höhere Ausbildung. Ein erfolgreiches Plädoyer an das Gericht, ihn als Jugendlichen zu verurteilen, nachdem er im Alleingang ein äußerst profitables Drogengeschäft aufgebaut hat, scheint derzeit unwahrscheinlich.
“Er wollte Gott spielen”, sagte ein Familienangehöriger, der mit den Einzelheiten des Gerichtsverfahrens vertraut ist, gegenüber Motherboard. Nach Angaben des Staatsanwalts droht ihm eine Strafe von 15 Jahren für den internationalen Vertrieb von kontrollierten Substanzen.

“Die Polizei kann Hunderte von Fehlern machen. Aber wenn ich, der Dealer, einen Fehler mache, ist das tödlich.”

Das Geschäft des DIY-Drogenbosses war zumindest in den letzten Monaten aus dem Ruder gelaufen. Den polizeilichen Ermittlungen zufolge baute er zwar einerseits ein hochprofessionelles Drogengeschäft auf (die Einnahmen tarnte er als Gewinne aus einem eingetragenen freiberuflichen Webdesign-Unternehmen), doch sein Erfolg und der damit verbundene Druck ließen ihn unvorsichtig werden. Er begann, immer wieder dieselben Paketstationen zu benutzen, um seine Waren zu verschicken. Nachdem die Polizei bei einem unzureichend frankierten Paket Verdacht geschöpft hatte, musste sie nur noch nach weiteren Paketen der gleichen Größe mit unterschiedlichen Briefmarken und Absenderadressen Ausschau halten.

“Die Polizei kann Hunderte von Fehlern machen”, erklärt ein anderer Drogendealer, der Shiny schon länger kennt, die Tücken des Online-Handels. “Aber wenn ich, der Dealer, einen Fehler mache, dann ist das tödlich.”

Die offizielle Inszenierung in Sachsen

Die Beschlagnahmung von 320 Kilo Drogen mit einem Marktwert von 4,1 Millionen Euro war eine der größten in der Geschichte Deutschlands. Entsprechend stolz sind die Behörden und sprechen von einer “Sensation”. Auf einer Pressekonferenz, auf der über den Stand des Falles und die Hintergründe der Ermittlungen gesprochen wurde, waren erwartungsgemäß Reporter aller großen deutschen Fernsehsender und Zeitungen vertreten.
Die Pressekonferenz bestand aus einigen Reden – von Leipziger Polizeibeamten und Staatsanwälten – und dann der größeren Präsentation der beschlagnahmten Drogen, die immer noch unter Tischtüchern versteckt sind. “Dann können Sie Ihre Fragen loswerden”, murmelte ein Beamter mit kaum verhohlener Verachtung.

Glaubt man der örtlichen Polizei, so ist niemand vor den Adleraugen des Gesetzes sicher
In der folgenden Präsentation stellt sich die Polizei wie in einer Folge von Crimewatch dar. Sie rühmt sich damit, Daten aus dem Darknet erfasst und hochspezialisierte IT-Cracks bei den Ermittlungen eingesetzt zu haben, was zu deren Erfolg führte. Die Botschaft: Niemand ist vor den Adleraugen des Gesetzes sicher, nicht der Straßenhändler, nicht der Darknet-Anbieter und nicht einmal die Kunden.

Einen großen Anteil am Ermittlungserfolg hatte aber auch die klassische Polizeiarbeit, insbesondere der Einsatz von Observationen. Die punktgenaue Überwachung von Moritz’ Zimmer, die Kontrolle des Postein- und -ausgangs am Knotenpunkt des DHL-Logistikzentrums in Radeberg, direkt neben dem Flughafen Leipzig-Halle, und vor allem die Überwachung bestimmter Paketstationen, die Mortitz angeblich ständig nutzte, trugen maßgeblich zum Erfolg bei.

Die Polizei führte offenbar auch Testkäufe auf der Website durch. Schon vor der Durchsuchung der Wohnung, die Moritz mit seiner Mutter teilte, hatte die Polizei 40 Kilo Drogen auf dem Postweg abgefangen. Dies war eine überraschende Erklärung für die von Shinys Kunden immer wieder beklagten Lieferverzögerungen, die der pseudonyme Dealer auf Angstmacherei unter seinen Käufern zurückgeführt hatte.

 

DHL WURDE ZUM UNFREIWILLIGEN KOMPLIZEN IM DROGENGESCHÄFT VON SHINY FLAKES. PAKETSTATIONEN UND BOXEN, WIE HIER IN BERLIN-PANKOW, SPIELTEN EINE ZENTRALE ROLLE IN DEM GESCHÄFT.

Die Polizei enthüllt, was sich unter den weißen Laken im Hauptquartier befindet: Kisten mit Speedpaste, Berge von Haschisch, Arzneimittelpackungen, Päckchen mit Kokain, unvorstellbare Mengen bunter Ecstasy-Pillen, Meth und grau-violett schimmerndes MDMA. Unter den Pillen befinden sich mehrere prall gefüllte Gefrierbeutel mit hochdosierten, roten Ecstasy-Pillen, die als Burger Kings bekannt sind und von denen Shiny Flakes behauptet, sie exklusiv zu vertreiben.
Das Geschäft des DIY-Drogenbarons war zumindest in den letzten Monaten aus den Fugen geraten. Den polizeilichen Ermittlungen zufolge baute er zwar einerseits ein hochprofessionelles Drogengeschäft auf (er tarnte die Einnahmen als Gewinne aus einer eingetragenen freiberuflichen Webdesign-Firma), doch sein Erfolg und der damit verbundene Druck machten ihn nachlässig. Er begann, immer wieder dieselben Paketstationen für den Versand seiner Waren zu nutzen. Nachdem die Polizei bei einem unzureichend frankierten Paket Verdacht geschöpft hatte, musste sie nur noch nach weiteren Paketen der gleichen Größe mit unterschiedlichen Briefmarken und Absenderadressen suchen.

“Die Polizei kann Hunderte von Fehlern machen”, erklärt ein anderer Drogendealer, der Shiny seit einiger Zeit kennt, die Tücken des Online-Handels. “Aber wenn ich, der Dealer, einen Fehler mache, ist das fatal.”

Die offizielle Inszenierung in Sachsen

Die Beschlagnahmung von 320 Kilo Drogen mit einem Marktwert von 4,1 Millionen Euro war eine der größten in der Geschichte Deutschlands. Entsprechend stolz sind die Behörden und sprechen von einer “Sensation”. Erwartungsgemäß waren Reporter aller großen deutschen Fernsehsender und Zeitungen bei einer Pressekonferenz anwesend, um über den Stand des Falles und die Hintergründe der Ermittlungen zu berichten.

Die Pressekonferenz bestand aus einigen Reden – von Leipziger Polizeibeamten und Staatsanwälten – und dann der größeren Präsentation der beschlagnahmten Drogen, die noch unter Tischtüchern versteckt waren. “Dann können Sie Ihre Fragen loswerden”, murmelte ein Beamter mit kaum verhohlener Verachtung.

Wenn man der örtlichen Polizei glaubt, ist niemand vor den Adleraugen des Gesetzes sicher
In der folgenden Präsentation präsentiert sich die Polizei wie in einer Folge von Crimewatch. Sie rühmt sich, Daten aus dem Darknet erfasst und bei den Ermittlungen hochspezialisierte IT-Cracks eingesetzt zu haben, was zu ihrem Erfolg führte. Die Botschaft: Niemand ist vor den Adleraugen des Gesetzes sicher, nicht der Straßenhändler, nicht der Darknet-Anbieter und auch nicht die Kunden.

Aber auch die klassische Polizeiarbeit, insbesondere der Einsatz von Observationen, spielte eine große Rolle für den Ermittlungserfolg. Die punktgenaue Überwachung des Zimmers von Moritz, die Kontrolle des Postein- und -ausgangs am Drehkreuz des DHL-Logistikzentrums in Radeberg, in unmittelbarer Nähe des Flughafens Leipzig-Halle, und vor allem die Überwachung bestimmter Paketstationen, die Mortitz ständig genutzt haben soll, trugen maßgeblich zum Erfolg bei.
Auch Testkäufe soll die Polizei vor Ort durchgeführt haben. Schon vor der Durchsuchung der Wohnung, die Moritz mit seiner Mutter teilte, hatte die Polizei 40 Kilo Drogen in der Post abgefangen. Dies war eine überraschende Erklärung für die von Shinys Kunden immer wieder beklagten Lieferverzögerungen, die der pseudonyme Dealer auf Angstmacherei unter seinen Käufern zurückgeführt hatte.

Die Konkurrenz macht Probleme

Doch nicht nur die Polizei war Moritz auf den Fersen. Auch die Konkurrenz hatte ihn im Visier, vor allem im letzten Jahr.
Shiny war berüchtigt für sein aufbrausendes Verhalten gegenüber Kollegen und Kunden, die er gerne auch mal beleidigte. Auch davon hat uns Chris erzählt. Der langjährige Online-Händler sagte, Shiny habe eine sehr spezielle Einstellung und einen seltsamen Sinn für Humor. In einem exklusiven Interview mit Motherboard im September 2014 sagte Shiny selbst: “Wenn ein Kunde mit einem Produkt unzufrieden ist, werde ich sehr direkt.”

Fest steht, dass seine aggressive Rhetorik seinem Geschäft nicht geschadet hat. “Die Kunden haben eine Vorliebe für asoziales Verhalten, sie kommen immer wieder zu ihm zurück”, sagt Chris, der Shiny aus einem größeren deutschen Online-Kriminalforum kannte. “Er war schon immer ein Großmaul, solange ich ihn kenne.” Dennoch war Shiny vorsichtig, wenn er mit Chris ein persönliches Gespräch führte.

Obwohl die beiden Dealer sich gegenseitig respektierten, gerieten sie schließlich in einen Konkurrenzkampf. Chris behauptet, er sei mitverantwortlich dafür, dass Shiny Mitte Februar seinen PGP-Schlüssel änderte und dadurch gezwungen war, seine Domain zu verlegen. Damals spekulierten nicht wenige Leute im Umfeld von Shiny Flakes, dass die Polizei für die Probleme verantwortlich sei. Wenn Chris jedoch Recht hat, gibt diese Aktion einen überraschenden Einblick in die Taktiken, mit denen sich rivalisierende Online-Händler gegenseitig angreifen.

Ob ausgerechnet ein Hackerangriff die Polizei daran gehindert haben könnte, ältere, verschlüsselte E-Mails von Shinys .com-Domäne zu lesen, ist noch unklar.

Und dann gibt es noch die Probleme bei der Lieferung. Die niederländischen Behörden führten kürzlich eine Razzia bei dem Großhandelslieferanten Dutchmaster durch, woraufhin in diesem Monat Durchsuchungsbefehle für andere deutsche Händler, darunter auch Kollegen von Chris, ausgestellt wurden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Dutchmaster einer der Lieferanten von Shiny war. Die Behörden wollen sich jedoch nicht dazu äußern, sondern lediglich ein suggestives “Vielleicht” anbieten.
Die Polizei versäumt es auch, die Herkunft der Nachricht auf Shiny Flakes’ Händlerprofil bei Evolution zu erklären. “Rennt um euer Leben” erschien am 3. März, als der Geschäftsführer von Shiny Flakes bereits im Gefängnis saß. Die Polizei sagt, sie sei nicht verantwortlich und hat auch kein Motiv für die Warnung von Drogenhändlern vor ausstehenden Durchsuchungsbefehlen. Klar ist aber, dass eines von Shinys Darknet-Profilen noch lange nach seiner Verhaftung immer wieder online zu sehen war.

Jetzt, nach fast zwei Jahren, gibt es Shiny Flakes nicht mehr. Der aufsehenerregende Drogenfototermin auf der Pressekonferenz konnte einige der Online-Diskussionen über Shiny Flakes’ Aufenthaltsort und Identität beenden. Seine Verhaftung wird dem Handel über das Darknet jedoch kaum einen Riegel vorschieben. Shiny Flakes’ Karriere war nur ein weiteres, kurzes Kapitel im Online-Krieg gegen Drogen, der gerade erst begonnen hat.

Die ursprüngliche dot com-Domain von Shiny Flakes wurde nur einen Tag nach der Razzia bei Moritz’ Mutter auf einen neuen Namen und eine neue Adresse registriert. Es bleibt abzuwarten, ob der neue Registrant die Aufmerksamkeit der sächsischen Polizei auf sich ziehen wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Solve : *
9 × 1 =